CHRONIK DES INDIEN-INSTITUTS e.V. MÜNCHEN

Das Indien-Institut e.V. München gegründet 1929
Deutsch-indische Begegnung seit 1929

Zum Geschichtsbild vor der Gründung

Die Errungenschaften der deutschen Indologie des 18. und 19. Jahrhunderts blieben bis heute Meilensteine in den deutsch-indischen Beziehungen und die Bezeichnung der Universität Bonn als „Benares am Rhein“ hatte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchaus ihre Berechtigung. In Dessau wurde 1823 ein Mann geboren, der von Oxford aus das deutsche und europäische Indien-Bild – „India- what can it teach us?„ – entscheidend mitgestaltete: Friedrich Max Müller, nach dem bis heute die Goethe Institute in Indien als Max Mueller Bhavans benannt sind. Zur gleichen Zeit haben die Wittelsbacher in Bayern Künstler und Gelehrte unterstützt, Mitglieder des Herrscherhauses reisten nach Indien. 1868 wurde durch König Ludwig II. in München der erste ständige Lehrstuhl für Sanskrit eingerichtet.

Die indische Unabhängigkeitsbewegung hatte sich nach seiner Gründung im Jahre 1885 in vielfältiger Weise bemüht, in Deutschland moralische und wirtschaftliche, zum Teil auch militärische Unterstützung für das Ringen um nationale Freiheit zu gewinnen. An einer militärisch-politischen Expedition während des Ersten Weltkrieges, die von der Türkei aus nach Ägypten und Afghanistan sondierend vorstoßen sollte, nahmen auch Freiwillige aus Indien teil, die auf den europäischen Schlachtfeldern als Soldaten der britischen Streitkräfte in deutsche Gefangenschaft geraten waren.

Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden Verknüpfungen zwischen Indien und den kommunistischen Parteien in Deutschland und der Sowjetunion, noch Jahre später gehörte Indien nach dem deutsch-russischen Geheimvertrag zur sowjetischen Interessenssphäre. Am 14. November 1927 war Motilal Nehru, zu der Zeit offizieller Vertreter des Indischen Nationalkongresses und Führer der indischen Freiheitspartei mit seinem Sohn Jawaharlal, dem späteren Ministerpräsidenten, im Berliner Auswärtigen Amt empfangen worden. Sie kamen vom Kongress der unterdrückten Völker in Brüssel und fuhren weiter nach Moskau. Auf ihrem Zwischenstop baten Sie die deutsche Regierung um Hilfe für ihr Ringen um ein freies Indien. Als Ergebnis dieses Drängens wurde unter der Leitung von A.C.N. Nambiar in Berlin das erste Informationsbüro Indiens außerhalb des indischen Subkontinents errichtet, eine Art diskrete indische Botschaft in der deutschen Hauptstadt. Während des Zweiten Weltkriegs übernahm Nambiar auch die diplomatische Vertretung der Nationalen Unabhängigkeitsbewegung Indiens unter Nataji Subhas Chandra Bose, einer Freiheitsbewegung, die 1942 Großbritannien und den USA den Krieg erklärte.

Die Gründung des Instituts

Neben dem Jahrhunderte alten kulturgeschichtlichen Hintergrund des deutschen Interesses an Indien war für die Gründung also auch das politische Umfeld des indischen Unabhängigkeitsstrebens besonders maßgebend, in der Folgezeit bezog es auch indische Persönlichkeiten in die Arbeit des Instituts stark ein.

Am 15. Februar 1929 konnte das indische Informationsbüro in Berlin eingeweiht werden und die gewünschte Errichtung eines Kulturbüros rückte näher. 1925 war in München „Die Deutsche Akademie“ im Maximilianeum in München gegründet worden. Auf Antrag von Prof. Dr. Karl Haushofer von der Universität München beschloss 1928 die Leitung der Deutschen Akademie, die Aufgabe der Förderung der kulturellen Zusammenarbeit zwischen Indien und Deutschland mit zu übernehmen. So wurde das „India Institute – Indischer Ausschuss“ als nicht politische Organisation und Zweig der Deutschen Akademie ins Leben gerufen. Vorsitzender wurde Prof. Karl Haushofer, Vorstandsmitglied der Deutschen Akademie, ehrenamtlicher Geschäftsführer Dr. Franz Thierfelder, ebenfalls Deutsche Akademie. Stellvertretender Vorsitzender und Mitbegründer war Prof. Dr. Taraknath Das, ein Vorkämpfer der indischen Unabhängigkeit. 1906 musste er wegen seiner politischen Aktivitäten aus Indien fliehen, hatte in den USA Fuß gefasst und verfolgte fünfzig Jahre lang als Emigrant das Ziel der Freiheitsbewegung Indiens. Bei einem seiner häufigen Aufenthalte in Deutschland zwischen 1924 und 1934 hatte er Dr. Haushofer die Einrichtung eines „India Institute“ innerhalb der Deutschen Akademie empfohlen, deren Ehrenmitglied er war. Während des Dritten Reiches, mit dem er sich nicht identifizieren wollte, blieb er in den USA. 1958 ist er in New York gestorben.

Aufgaben, Entwicklung und Ziele

Die Gründung des Indien-Instituts war aus wohl verstandenen Interessen der deutschen und der indischen Seite zu verstehen: dem indischen Unabhängigkeitskampf und dem Vertrauen Indiens in die deutsche Indienbegeisterung. Von Anfang an war völkerverbindende Arbeit deshalb Ziel des Instituts und seine Aufgabe, einer interessierten Öffentlichkeit in Deutschland, vor allem in Bayern, Wissenswertes über die reiche und vielfältige Kultur des indischen Subkontinents sowie Informationen zur politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des aktuellen Indiens zu vermitteln. Im gleichen Geist der Freundschaft war die Republik Indien das erste Land, das nach den Westmächten die Bundesrepublik Deutschland 1951 diplomatisch anerkannte und der um das India Institute verdiente A.C.N. Nambiar wurde der erste Botschafter der Republik Indien in Bonn.

Eine bemerkenswerte selbst gestellte Aufgabe war es in den Anfangsjahren, Stipendien an ausgewählte indische und deutsche Studenten zu vergeben. Die Deutsche Akademie sicherte dafür die finanzielle Grundlage, ebenso für die Verleihung von Stiftungen und Studienbeihilfen. Auch die Humboldt-Stiftung beteiligte sich in den frühen Jahren bereits an der Vergabe von Sonderstipendien. Von 1929 bis 1938 vergab das India Institute Stipendien an rund 100 indische Studenten und Aspiranten, unter ihnen auch an Dr. Triguna Charan Sen, der 1939 seinen Doktorgrad für Hydro-Elektrik an der Technischen Hochschule in München erwarb und später Rektor der Jadhavpur-Universität Kalkutta wurde. Zu erwähnen ist auch Alfred Würfel, späterer Empfänger des „Padma Shri“ Ordens, der 1935 mit Geldern des Instituts als Lektor an die Hindu-Universität in Benares ging und dort sofort begann indische Sprachen, besonders Sanskrit, zu studieren. Nachdem er während des Krieges jahrelang in Bombay Sprachunterricht erteilte, machte er später eine außergewöhnliche diplomatische Berufskarriere, die als Kulturattache an der Deutschen Botschaft in New Delhi endete.

Im Oktober 1935 fand unter dem Dach des Instituts und mit der Unterstützung von Taraknath Das die erste „Konferenz indischer Studenten in Deutschland“ statt. Das Institut unterstützte die Bildung von indischen Vereinigungen, das gab Gelegenheit intensive Beziehungen zu Deutschen aufzubauen. Ein „Hindusthan Students Club“ wurde von ehemaligen Stipendiaten in München gegründet, der später die Initiative zur Bildung einer zentralen Organisation aller indischen Studentenvertretungen in Deutschland ergriff.

Das „India Institute“ regte ebenso einen intensiven Austausch zwischen deutschen und indischen Professoren und Wissenschaftlern an. Der beliebteste Lehrer an der Münchner Universität, der Physiker Arnold Sommerfeld, las im Institut wie auch an indischen Universitäten wo seine Vorträge glänzend besucht waren. Er pflegte intensiven Kontakt z. B. mit dem indischen Nobelpreisträger Sir Chandrasekhara Venkata Raman, der ihn 1928 in München besuchte und zum Ehrenmitglied des Instituts ernannt wurde. Ehrenmitglied war ebenso der Wissenschaftler J.C. Bose. Albert Einstein und Pandit Nehru verstanden sich blendend; der indische Physiker Satyendra Nath Bose (1894-1974), später Vizekanzler der Vishwabharati Universität und Präsident des National Institute of Science in Indien, übersetzte im Alter von 22 Jahren Einsteins Relativitätstheory ins Englische und erklärte sie seinen Studenten am College in Kalkutta. Bose nahm im Zusammenhang mit seiner eigenen Forschung mit Einstein direkt Kontakt auf. Das Ergebnis ist u.a. das Bose-Einstein-Kondensat, das aus der gemeinsamen Theorie dieser beiden Forscher hervorging und erst 1995 technisch bewiesen werden konnte.

Unter den indischen Gästen des Instituts war auch Rabindranath Tagore, der Ehrenmitglied des Instituts wurde. Natürlich waren Taraknath Das und seine Frau zu Ehrenmitglieder ernannt worden. Sein Buch „Indien in der Weltpolitik“ wurde mit Hilfe des Instituts in deutscher Sprache im Callwey-Verlag verlegt. Selbst der zweimalige Präsident des Congress, Hon. Pandit Madan Mohan Malaviya, zählte zu den ersten Ehrenmitgliedern. Das Mahabaratha von Sir Biron Roy, einem Gast des Instituts der dort bereits 1936 einen Vortrag hielt, wurde in den 60er Jahren vom Institut in Deutsch herausgegeben.

Das Informationsbüro Indiens in Berlin war bereits 1932 geschlossen worden. Die Deutsche Akademie wurde 1945 von der Besatzungsmacht aufgelöst. Das India  Institute wurde 1946 wieder belebt und konnte als damals einzige Organisation, die sich mit der indischen Welt befasste, dank der Unterstützung der New Yorker Taraknath Das Foundation die Arbeit wieder aufnehmen. Nach der Währungsreform konnte Dr. Thierfelder erneut im Institut mitwirken, er übernahm den Vorsitz, Dr. Taraknath Das wurde zeitweilig sein Stellvertreter. Dank der weit über Bayern und Deutschland hinausreichenden Beziehungen und Freundschaften konnten die Ziele der Gründungsväter wieder aktiviert werden.

Unter den Mitgliedern sind wieder bekannte Namen zu finden: Prof. Dr. Helmuth von Glasenapp, Leiter des Instituts für Indologie und vergleichende Religionswissenschaft der Universität Tübingen. Generalkonsul a.D. Wilhelm von Pochhammer, Bremen. Prof. Dr. K.C. Chaudhuri, Direktor des Institute of Child Health, Calcutta. Auch Wirtschaftsunternehmen waren wieder unter den aktiven Mitgliedern.

Erster Präsident bei der Umbenennung und Registrierung des Vereins in „Indien-Institut e.V.“ München am 26. April 1960 wurde Paul H. Edler von Mitterwallner, Vorstandsmitglied von Krauss-Maffei, erster Hon. Generalkonsul der Republik Indien. Sitz des Indien-Instituts war in den Jahren im indischen Generalkonsulat im Preysing-Palais am Odeonsplatz. Beide Einrichtungen wurden von den Firmen Krauss-Maffei und Siemens bis 1970 finanziert. Nach dem Umzug des Konsulats in die Widenmayerstraße 41 war dort für den Verein kein Platz mehr; man tagte u.a. im Münchner Künstlerhaus und Paul von Mitterwallner bestellte neue Nachfolger: Anfang 1971 Alfred Brocke, dann Professor Dr. F. Wilhelm, Indologe an der Universität München, die beide – wie bereits erwähnt – jeweils unter verschiedenen Adressen arbeiten mussten.

Der Verleger, Indienliebhaber und Fachmann für indische Kunst, Robert Gedon, war 1971 zum Hon. Generalkonsul Indiens ernannt worden und stiftete 1977 seine bekannte, weit gereiste indo-asiatische Plastiksammlung dem Bayerischen Staat. Es gelang ihm, das Indien-Institut nach vielen Wanderjahren endlich an ein festes Haus zu binden. Dank dem Verständnis des damaligen Direktors Prof. Dr. Walter Raunig wurde es „standesgemäß“ im Staatlichen Museum für Völkerkunde untergebracht, wo es nunmehr seinen Sitz hat. Auch heute noch erinnert manchmal die Wahl der Veranstaltungsorte an die verschiedenen Institutsadressen jener Jahre.

1982 übernahm Robert Gedon den Vorsitz des Instituts und übte das Amt bis zu seinem Tod im Jahre 1989 aus. Eine Vakanz in der Leitung des Instituts bestand bis Ende 1993, dann  übernahm der ehemalige deutsche Botschafter in Indien, Dr. Hans-Georg Wieck, die Präsidentschaft. Neue diplomatische Aufgaben bedingten 1999 den Umzug von Botschafter Wieck nach Berlin, Brigitte Gedon übernahm die Führung des Instituts.

In den folgenden Jahren wurden S.K.H. Herzog Franz von Bayern; Maestro Zubin Mehta, Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper; der jeweilige amtierende Generalkonsul der Republik Indien in München, sowie der letzte Hon. Generalkonsul Indiens in München, Prof. Dr. h.c. Horst Teltschik und Dr. Gerhard Jooss, ehemaliges Mitglied des Vorstands der ThyssenKrupp AG und Mitglied der Deutsch-Indischen Beratergruppe, Ehrenmitglieder des Vereins. Seit 2002 hat Bayern und Baden-Württemberg in München ein Berufs-Generalkonsulat das dankenswerterweise eng mit dem Institut zusammenarbeitet.

Der ehrenamtlich arbeitende Vorstand ist kompetend besetzt. Ihm gehören z.Zt. an: Dr. Andreas Lindner, als Indienexperte, der Indologe Prof. Dr. Jens-Uwe Hartmann, Frau Dr. Christine Stelzig, Direktorin des Museums Fünf Kontinente, Herr Armin B. Meyer, Herr Peter Wiegand und Herr Jürgen Weilandt.

Die zahlreichen Programme bieten heute ein entsprechend breites Themen- und Aktionsspektrum, das von der Erdbebenhilfe in Gujarat in 2001 – mit einer Spendenaktion unter Teilnahme der Bayerischen Staatsregierung, sowie einem mit unserer Unterstützung veranstalteten Benefizkonzert der Bayerischen Staatsoper unter Leitung von Maestro Zubin Mehta; dem Bayerischen Jugendpreis des Instituts bis zur authentischen Auseinandersetzung mit allen die Tradition und die Moderne betreffenden Fragen und deren Beantwortung durch internationale Fachleute reicht.

Das Indien-Institut arbeitet gemeinnützig und ohne staatliche Förderung, finanziert durch steuerlich absetzbare Mitglieds- und Förderbeiträge sowie Spenden. Seinen Rückhalt hat das Institut in der Unterstützung durch bekannte Persönlichkeiten, die seiner völkerverbindenden Arbeit über Indien aufgeschlossen bleiben, durch seine kenntnisreichen und dialogfreudigen Mitglieder und eine noch der Einlösung harrende richtig verstandene Kulturförderung durch die mit Indien geschäftlich verbundenen bayerischen Firmen und Wirtschaftsunternehmen. Das Indien-Institut wird auch weiterhin alles tun, um das Wissen über dieses Land, seine Kultur, Religionen, Wissenschaft, wirtschaftliche Entwicklung und Gesellschaft, die größte Demokratie der Welt, zu vermitteln.